Innige Umarmung - enges Tanzen




Zum Erstaunen vieler ist eine gute Umarmung zuerst einmal eine technische Angelegenheit. Erst im zweiten Anlauf kommen die gefühlsbetonten Aspekte zum Tragen.

 

 

Sehr oft werden in Workshops oder in speziellen Veranstaltungen die emotionalen Aspekte in den Vordergrund gerückt. Das ist die einfachere Variante. Es ist leichter über schöne Umarmung, über Herzverbindung oder innige Vereinigung zu schwadronieren, anstatt darüber zu reden, was eine gute Umarmung ausmacht, wie man überhaupt die Fähigkeit aufbringen kann, eng zu tanzen. Leider wird die enge Umarmung auch gerne als Vorwand missbraucht, um beim Partner (sagen wir’s mal nett) übergriffig zu werden. Würde man sich in einem Büro verhalten wie manche beim Tango, wäre eine Abmahnung die Folge. Bewusst habe ich hier den Blickwinkel vermieden, dass immer die Männer diejenigen seien, die sich auf unerträgliche Art und Weise an die »Mädels« ranmachen; es gibt gar nicht so wenig Frauen, die eine respektlose Art und Weise entwickelt haben, in die Aura des Mannes einzudringen.


Allen diesen »Eindringlingen« ist gemeinsam, dass ihre (Tango-)Technik eher rudimentär entwickelt ist. Bitte nicht missverstehen, ich will das Ganze nicht nur auf die Technik runterbrechen, aber es ist schon erstaunlich, dass der Mangel an Technik diese Personengruppe auszeichnet.


In dem Augenblick, wo man in die Aura einer anderen Person eindringt, läuft eine Vielzahl von Parametern ab, wie man den Partner einschätzt. Bewegungen, die im entferntesten nach Angriff »ausschauen« (zum Beispiel forsches auf den Partner zugehen, Brust raus, zackig, zackig - Achtung Ironie!), sind dabei unbedingt zu vermeiden. Hilfreich ist, wenn man die Musik mitnimmt, während man aufeinander zugeht. Wenn die Bewegungen nach Tanz ausschauen, ist das schon die »halbe Miete«. Voraussetzung beim engen Tanzen ist die Zustimmung beider Partner. Für die Frau ist es unangenehm, wenn sie einfach vom Mann »gepackt« und an den Männerkörper »rangepresst« wird. Dito im umgekehrten Falle. Männer fühlen sich oftmals überrumpelt, wenn sich die Frau ohne »Umwege« mit jedem weiblichen Körperteil an den Mann presst. Das gefühlvolle aufeinander Einlassen, das Verbinden von weiblicher und männlicher Energie, das klare Führen, das Verstehen wie man (frau) geführt wird - dies alles kann sich nicht entwickeln.

SPÜRE DICH SELBST

Was sind technische Voraussetzungen, um eine schöne Umarmung zu ermöglichen und um eng zu tanzen? Das Wichtigste zuerst: spüre dich selbst. Auf welchem Bein stehe ich, knicke ich mit der Hüfte weg, wenn ich mich bewege? Ein typischer Führungsfehler ist beispielsweise, dass man(n) mit der Hüfte nach rechts wegknickt, wenn der Führende nach links gehen will. Bei der Frau kommt zuerst die Bewegung der nach rechts knickenden Hüftbewegung an. Also wird sie sich in diese Richtung bewegen. Aus der Sicht des Mannes natürlich die falsche Richtung. Also wird er – wenn die Frau Glück hat – mit einer kräftigen Umarmung mit seinem rechten Arm die Frau nach links bugsieren. Hat die Tänzerin Pech, dann wird sie nach links gestoßen.


Die Männer machen das nicht aus Boshaftigkeit. Sie sind oftmals verzweifelt und verstehen nicht, warum die Frau nicht in die gewünschte Richtung tanzt. Dabei ist die Lösung an dieser Stelle einfach. Führende brauchen sich nur zu fragen, würde ich selber verstehen, was ich führe? Würde ich in diese Richtung gehen? Mit ein wenig Selbstreflexion und auch eventuell mit Hilfe eines guten Lehrers sowie ein paar guten Körper-Rhythmus-Übungen kommt man(n) hier schon sehr weit (tango-x.com/tt.html).

Aber auch bei den Frauen findet sich ein typischer Fehler, der zu Führungsmissverständnissen führt. Ihr linker Arm umarmt den Mann nicht weich und geschmeidig, sondern sie setzt Kraft ein. Damit umarmt sie den Mann nicht mehr, sondern klemmt seinen rechten Umarmungsarm ein. Dadurch entsteht über den rechten Umarmungsarm des Mannes ein Druck auf den Körper der Frau, den sie wiederum als Führungsimpuls interpretiert. Dem steuert dann der Mann mit seinem linken Führungsarm entgegen. Ergebnis: Chaos in der Führung. Dieser typische Fehler kommt recht häufig vor. Beobachtet man in einer Milonga die Paare, dann sieht man immer wieder, wie die Männer mit ihrem linken Führungsarm stark (aus der Sicht des Mannes) nach rechts drücken. Schaut man sich nun die Frau an, entdeckt man, dass die Frau den Mann fest umarmt und somit den Umarmungsarm des Mannes in Richtung ihres Körpers drückt.

SCHRITTTECHNIK IST DER SCHLÜSSEL


Bei einer schönen Umarmung und beim engen Tanzen ist die Schritttechnik der Schlüssel. Man benötigt also eine Haltung, die innig ist – gleichzeitig aber Schrittfreiheit gewährleistet. Ein Ansatz dazu war natürlich die sogenannte Dachhaltung. Mann wie Frau lehnen aneinander– Oberkörper möglichst nah, Beine möglichst weit voneinander entfernt. Eine Dachhaltung erzeugt ein männerdominiertes Tanzen. Zudem ist die Figurenvielfalt eingeschränkt. Das kann durchaus - für beide Seiten - eine Zeitlang Spaß machen. Diese Haltung wird mit der Zeit unbequem, zudem schleicht sich mit diesem Tanzstil Langeweile ein.

Wie ist die Lösung? Nochmals: Zuerst ist es wichtig, dass man sich selbst spürt. Das ist schon mal eine gute Basis, um vom Partner verstanden zu werden. Das enge gemeinsame Gehen im Tango ist schwer: Grundvoraussetzung: Taktsicherheit und die Fähigkeit, auf einem Bein zu stehen und zu drehen. Das ist im Tango nicht besonders schwer, da man sich im Zweifelsfall ein wenig am Partner festhalten kann. Dennoch, der Partner muss merken, auf welchem Bein die Tänzerin steht (und natürlich umgekehrt). Das Signal des Losgehens kann sich der Führende dadurch erheblich erleichtern, wenn er auf die Phrasierung (eine Zählweise von eins bis acht) der Musik achtet und bei »Eins« startet. Das ist ein unmissverständliches Signal für die Frau. Der Mann geht quasi mit der Frau mit. Sie ist für ihren eigenen Schritt und für ihre eigene Taktsicherheit verantwortlich. Die Schwierigkeit beim gemeinsamen Gehen ist, dass die Frau einen anderen Geschwindigkeitsablauf hat, als der Mann (das ist muskulär bedingt). Der Mann schickt die Frau quasi vor und folgt ihr problemlos aufgrund seiner Muskelschnellkraft. Gemeinsam landen sie wieder im Schritt und im Takt. Dieser Ablauf vollzieht sich innerhalb kurzer Zeit. So zu tanzen, macht gigantisch viel Spaß. Die Frau spürt ihre weibliche Seite, der Mann spürt sich als Mann und hat nicht das Gefühl zu »verweiblicht« zu tanzen. Das sind Ying und Yang.


Die Gefahr bei dieser Art des Tanzens ist, dass der Mann zwar verzögert startet, aber leider nicht nur mit dem Fuß, sondern mit dem ganzen Körper. Dadurch »überrennt« er die Frau. Aus ist es mit Ying und Yang. Aus ist es mit der vollkommenen Harmonie aber auch, wenn die Tänzerin, zum Beispiel beim Kreuzschritt oder beim Ocho zu stark ins Knie geht und damit den Mann nach unten drückt. Aus einer guten Tänzerin wird dann plötzlich eine (gewichtsmäßig) »schwere« Tänzerin. Dissoziiert (also die getrennte Bewegung von Ober- und Unterkörper) sie beispielsweise beim Ocho nicht, wird es für den Mann sehr anstrengend, da sie sich gegen seine Führung dreht.


Im Endeffekt gibt es nur ganz wenige Regeln für richtig gutes Tanzen. Stehe auf einem Bein, habe die Fähigkeit dich auf einem Bein zu drehen sowie zu dissoziieren, gehe gemeinsam mit dem Partner genau auf den Taktschlag, lasse dich vom Mann drehen.

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Tango-Technik-Ryhthmus-Training

An dieser Stelle weisen wir auf unser Tango -Technik-Training hin, wo viel an Körper und Rhythmus gearbeitet wird. Jeden Freitag (Ostbahnhof) von 18:00 bis 19:30 Uhr.