Gancho - eine Technik zum Verzweifeln

Ich war verzweifelt. Trotz meiner Erfolge im Sport und im Tanz und der damit verbundenen Körpererfahrung, war es mir nicht möglich,  einen Gancho zu führen. Ich schaffte es nicht mein Bein so zu positionieren, dass die Frau, in dem Fall meine, Patrizia, fähig war einen Gancho zu machen. Sie war entweder zu weit weg  oder es war für sie nur möglich, eine unbequeme Bewegung auszuführen. Ein Gancho, der jeglicher Biomechanik widersprach und scheußlich aussah. Wir tanzten dabei in etwa ein "kleines" Jahr.

Zum damaligen Zeitpunkt hörten wir von einem Shootingstar der Tangoszene. Chicho Mario Frúmbuli mit seiner damaligen Partnerin, Lucía Mazer, die einen Workshop ankündigten. Wir überlegten lange, ob wir mitmachen sollten. Einer der damaligen Macher der Münchner Tangoszene, Daniel Köpper, mit dem uns eine konstruktive und kreative Arbeit verband, überredete uns mitzumachen. Es war eine kluge Entscheidung. 

In der Pause dieses Workshops mit Chicho und Lucía versuchte ich mich mal wieder am Gancho. Zufälligerweise schaute Chicho in unsere Richtung. Er sagte nur einen Satz: "This is wrong." ("Das ist falsch."). Und dann weiter, "You have your weight on the wrong leg and you have to lead the follower in a circle" - "Du hast dein Gewicht auf dem falschen Bein - und Du musst die Frau in einem Kreis führen". Er zeigte mir, was er meinte. Exakt. Detailliert. Schnörkellos. Patrizia sagte, dass sie so etwas Klares und Sauberes an Bewegung und Führung noch nie erlebt habe.

Und bei mir? Oh nein, nicht sauber. Ja, unklar. Ja, holprig. Aber, die Bewegung klappte. Zum ersten Mal konnte ich einen Gancho ausführen, der auch ein Gancho war. Endlich hatte ich das Gefühl, dass sich meine Bewegung mit der Frau koppelte. Die genauen Erklärungen von Chicho und Lucía, die Herangehensweise an die Technik beeinflussten maßgeblich unseren Tango.

EPILOG: Chicho und Lucía stiegen von 1999 an zu dem wohl innovativsten Paar ihrer Zeit auf. Leider trennten sie sich - zwei Sonnen sollten sich nicht vereinen, sondern nur von der Ferne grüßen. Mit seiner neuen Partnerin, Eugenia Parilla, betrat 2003 ein neuer Stern die Tangoszene, der 2006 erblasste. Danach fand Chicho eine besondere Tänzerin, Juana Sepúlveda. Sie scheint die Partnerin zu sein, die er wohl schon immer suchte. Chicho tanzt bis heute mit Juana.

Michael (& Patrizia)