Gemeinsames Warten auf die Musik

Bei der Vorbereitung zu unserem Workshop „Gancho – irgendwie einfach – irgendwie schwer“ fiel auf, wie leicht man dazu neigt, übergangslos von einer Technik in die nächste Technik zu GEHEN.

Zu GEHEN heißt, dass der Führende die Frau in die nächste Technik führt, bevor die Frau ihre Bewegung (in diesem Falle den Gancho) fertig machen kann. Der Mann überrennt quasi die Frau. Der Armen bleibt nichts anderes übrig, als dem Mann mit „schlampigen“ Techniken hinterher zu hecheln. Oftmals muss sie sich dann auch noch anhören, dass sie zu langsam sei.

Gleiches Spiel nur mit anderem Vorzeichen: Die Geführte hetzt sich selber von einer Technik in die nächste, so dass sie nicht in der Lage ist, ihre Technik fertig zu machen. Sie „läuft“ in die nächste Bewegung, bevor die Führung stattfindet. Hier „zieht“ die Frau den Mann hinter sich her – dem nichts anderes übrig bleibt, als ihr zu folgen. (Anmerkung des Verfassers: nicht wenige Karambolagen haben darin ihren Ursprung.)

Gemeinsam asynchron tanzen

Der gängige Fall ist jedoch, dass sowohl die Geführte als auch der Führende ihre Technik(en) nicht beenden und sie, sozusagen in beiderseitigem Einverständnis, zusammen vorlaufen und der Musik davonlaufen; sie merken es einfach nicht, dass etwas nicht stimmt, irgendwie passt es ja. Dennoch, das Bauchgefühl sagt einem, dass etwas nicht stimmt.  Besonders fortgeschrittene Tänzerinnen und Tänzer tappen gerne in diese Falle. Es gibt jedoch einige Indizien, die dieses Verhaltensmuster aufzeigen. Eines ist, so hart es klingt, dass man an die richtigen guten Tänzerinnen und Tänzer nicht rankommt. Irgendwie weichen die Top-Tänzer diesen Leuten aus.

Ein weiterer Punkt ist, dass es mit der Musik nicht stimmt. Hier hilft die klassische gute Tangomusik. Thema, Rhythmus und Taktschläge folgen einem bestimmten Muster. Innerhalb dieses Aufbaus hat sich das Tanzpaar  zu bewegen. Abläufe starten und enden zu bestimmten Taktschlägen (idealerweise zu einer Phrasierung*). Das Paar hat sich gemeinsam auf Taktschläge zu synchronisieren. Das ist insofern interessant, da dadurch die Diskussion, wann die Frau dem Mann zu folgen hat, überflüssig ist. Denn, man folgt gemeinsam der Musik.

Ein wichtiges Indiz ist, dass Tänzerin und Tänzer für ihre Schritte beziehungsweise Figuren viel Platz benötigen. Es ist schon interessant, je mehr man sich synchronisiert, je mehr man in der Musik tanzt, desto weniger Raum braucht man in der Milonga.

Zurück zum Gancho

Es stellt sich nun nicht die Frage, ob die Frau schnell genug ist, diese Technik auszuführen oder ob der Mann zu voreilig führt. Ein Gancho beginnt bei einem Taktschlag und hört bei einem anderen auf. Der Mann sollte innerhalb dieser Einheit (oder Einheiten) warten bis die Frau fertig ist. Braucht die Frau länger, muss der Führende länger warten. Ist die Frau mit ihrer Bewegung fertig, dann ist es nicht ihre Aufgabe sich für die nächste Bewegung vorzubereiten. Der Mann bereitet die Bewegung vor – er führt – und wenn der Mann aus irgendwelchen Gründen die Bewegung (noch) nicht einleitet, dann wäre es schön, wenn sie auf ihn warten würde. Alles innerhalb von Musik-Einheiten.

Wenn man sich traut, das früher mühsam Erlernte zu hinterfragen und wieder von vorne zu beginnen, dann wird eine Tänzerin plötzlich von einem Top-Tänzer für den nächsten Tanz aufgefordert – und vermutlich wird es dabei nicht bei einer Tanda bleiben. Liebe führende Männer, es hat schon einen besonderen Charme, von einer Top-Tänzerin mit einem Blick (Cabeceo) aufgefordert zu werden ;-)

(Michael Kronthaler)

 

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* Phrasierung: Zähleinheit in der Musik – in der Regel von eins bis acht. Sehr gut hört man eine solche Phrasierung bei einem Vals (Tango-Walzer).

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