Männliches und weibliches Tanzen

Das »Führen« hat sich verändert – es wurde daraus eine Einladung, welche die Frau annimmt.

Es dürfte so um die Jahrtausendwende gewesen sein, da nahmen meine Frau, Patrizia, und ich, Michael, an einem Super-Workshop von Gustavo Naveira und Giselle Anne teil (die Leser haben es bemerkt, dass wir Fans der Beiden sind). Bei der Erklärung einer Figur machte Gustavo eine Bemerkung, die mich aufhorchen ließ – und das sei vorab verraten, meinen Tango maßgeblich beeinflußte. Er sagte »I have to follow the woman«  – »Ich muss der Frau folgen.

Ich war mir nicht sicher, hatte ich ihn richtig verstanden? Der Mann folgt der Frau? In der Pause sagte Gustavo zu mir, dass es genau so sei. Nahezu alle Top-Lehrer verwenden eine ähnliche Formulierung. Meist tauchen Nebensätze auf wie: dass der Mann auf die Frau zu warten habe, dass der Mann die Frau einlädt oder bittet, etc.

Natürlich führt der Mann weiter, aber das »Führen« hat sich verändert. Es wurde daraus eine »Einladung«, mit der der Mann die Frau bittet, in eine bestimmte Richtung zu gehen. Versteht die Frau diese Aufforderung, dann folgt der Mann der Frau, um gemeinsam eine bestimmte Sequenz zu tanzen oder zu erfinden.

So zu tanzen, ist genussvoll – es ist ein gemeinsames Hineingleiten von Bewegungen in die Musik. Diese Art des »männlichen« Tanzens raubt der Tänzerin nicht ihre Individualität. Im Gegenteil: Ohne »männlichen Rahmen« (eine höfliche Umschreibung für »Du hast das zu machen, was ich will«) interpretieren ihre Schritte den Rhythmus und den »Charakter« der Musik. Dadurch, dass der Führende der Tänzerin folgt, erkennt er deren Absicht und stellt sich darauf ein. Es entsteht ein besonderer Dialog.

WIE KANN MAN DIESE ART DES TANZENS REALISIEREN?

Männer haben in etwa ein Drittel mehr an Muskeln als Frauen – Kontraktionsvermögen und Übertragungsgeschwindigkeit sind ebenfalls höher. Das bedeutet für den Mann, dass er die Frau quasi vorschickt (einlädt); kurz bevor die Frau ihre Bewegung beendet, startet der Mann mit seinem Schritt. Er holt die 'verloren gegangene' Zeit nach und beide landen gemeinsam im Schritt und Taktschlag.

So zu tanzen, ist männlich – es entspricht männlichem Charakter, passt zu seiner Muskulatur und zu seiner Art, sich zu bewegen.

Der Spaß, einen Sportwagen zu fahren, besteht nicht (unbedingt) darin, mit 280 Kilometern pro Stunde über die Autobahn zu »brettern«. Die Freude besteht darin, in 3,5 Sekunden von 0 auf 100 zu kommen, in 7,5 Sekunden auf 200, in die Kurve reinzubremsen und dann wieder beschleunigt »rauszuschießen«. Das, was uns anmacht, ist die Reizveränderung. Gibt es keine Stimulanz, wird es langweilig.

Ein allseits beliebter Satz lautet: »Wir Männer werden nicht an der Anzahl der Schritte, sondern an deren Qualität gemessen.« Dieser Satz ist sowas von richtig und passt auch in die Diskussion, ob Frauen einem Mann ohne schlechtes Gewissen einen Korb geben sollten, wenn er nicht gut tanzen kann (wobei es in dieser Diskussion um Männer geht, die schon länger tanzen, weniger um Anfänger). Diese Diskussion wird gerade heftig geführt und zwar beispielsweise hier: http://neymelo.com/2016/02/02/ladies-reject-without-fear/http://tangoplauderei.blogspot.de/2016/02/Ney-Melo-Lehne-ohne-Angst-ab-akzeptiere-ohne-zu-bereuen.html –  http://milongafuehrer.blogspot.de/2016/02/der-kleine-unterschied.htmlhttp://milongafuehrer.blogspot.de/2016/02/die-verse-des-achilles.html

Beim männlich Tanzen lassen sich Figuren wiederholen, ohne dass sie an Reiz verlieren. Männer müssen mehr auf die Beschleunigung innerhalb der Musik achten und dies mit ihrem naturgegebenen Vorteil (Schnellkraft) umsetzen.

Nehmen wir als Beispiel die Rückwärtssacada. Eine schwere Figur. Der Mann geht dabei mit seinem Bein in die Schrittbewegung der Frau. Hier läuft ein komplexes Analyseprogramm beim Mann ab. Er leitet die Bewegung ein und »bittet« die Frau in eine bestimmte Richtung zu tanzen. Wenn das gelingt, ist der Mann nicht mehr aktiv, sondern wartet ab, wie sich die Frau bewegt, wo und wann (hoffentlich im Taktschlag ;-)) sie mit ihrem Schritt voraussichtlich landen wird. Ist diese (intuitive) Analyse abgeschlossen, fällt der Mann die Entscheidung, wann er mit seiner Sacada startet damit beide gleichzeitig am »vorausberechneten« Punkt landen, und zwar so, dass die Frau in ihrer Bewegung nicht behindert wird.

MAN SIEHT ES GUTEN TÄNZERINNEN NICHT AN, WAS SIE KÖNNEN

Gut männlich zu tanzen, bedeutet, eine Partnerin zu haben, die sich ihrer weiblichen Bewegungen bewusst ist, die nicht in Konkurrenz zu dem Mann steht. Bei dieser Art des Tanzens ist die weibliche Bewegung langsamer als die des Mannes (aber nicht außerhalb des Stromes der Musik). Vielleicht hilft folgendes Bild: Radfahren mit normaler Geschwindigkeit erfordert keine besondere Geschicklichkeit, fährt man hingegen langsam, merkt man, wie schwer es ist, genau zu fahren, Spur und Gleichgewicht zu halten.

Beim Tango ist es ähnlich. Gute Tänzerinnen halten auch bei langsameren Bewegungen ihre Achse, sind synchron zur Musik und finden genau in den Taktschlag. Der Mann ist weder Stütze noch Starthilfe für Figuren. Es sieht bei ihr alles so einfach, so natürlich aus.

MÄNNLICH TANZEN

Der Weg dahin, nämlich männlich zu tanzen, ist gar nicht so schwer. Es müssen ein paar Umprogrammierungen stattfinden.
- männliches Tanzen heißt nicht, die Frau mit Kraft zu führen;
- männliches Tanzen heißt, zu spüren, wohin die Frau geht oder gehen will;
- männliches Tanzen heißt, die Frau in der Milonga zu schützen (»harte Schale – weicher Kern«);
- männliches Tanzen heißt »Körperarbeit«: Der Mann übt allein seine Schritte, arbeitet an seinem rhythmischen Musikempfinden, verbessert seine Empathie und vollzieht den Wechsel von »Führen« in »Einladen«.