Tangolehrer: Prostituierte im Tango?

In den einschlägigen sozialen Medien wie auch in Diskussionen auf Milongas beklagen sich immer wieder Tango-Anfängerinnen und -Anfänger, wie schwer es doch ist, in der Szene »Fuß« zu fassen. Guten Tänzerinnen und Tänzern wird oftmals Überheblichkeit und unfreundliches Verhalten vorgeworfen. Tangolehrerinnen und -Lehrern ginge es nur darum, dass man ihnen das Geld »hinterher werfe«, wobei sie anschließend dann nicht einmal bereit wären in der Milonga mit Anfängern zu tanzen.

Wir (Patrizia und Michael - http://tango-x.com) haben die Erfahrung gemacht, dass der größte Teil der Anfängerinnen und Anfänger nett und hilfsbereit ist und sich an die Regeln von Anstand und Höflichkeit hält. Keiner von ihnen käme auf die Idee, ein Recht auf den Tangolehrer zu erheben.

Einige »ticken« jedoch anders. Sie denken, dass man mit dem Unterricht ein »Allroundpaket« inklusive Tangolehrer/in gekauft habe, welches man nach Gusto aktivieren könne. Klappt das nicht, versuchen sie dieses »Recht« vehement, bevorzugt in den sozialen Medien, durchzusetzen. Sie scheuen sich nicht, mit harten Bandagen gegen die vermeintlich egoistischen, arroganten und »assozialen« Lehrerinnen und Lehrer vorzugehen.

Man kann sich nur schwer solcher Angriffe erwehren. Man möchte als Lehrerin /Lehrer, dass die Schüler etwas lernen, dass sie glücklich und zufrieden sind und dass sie mit Tango weitermachen. Klappt das bei einigen Schülern nicht, ist das ein bisschen wie eine »verlorene Schlacht«. Eine Alternative “Übergriffe zu vermeiden” ist, neben dem Erlernen der Tangoschritte, den Anfängern so früh wie möglich zu vermitteln, dass es eine Reihe (ungeschriebener) Grundregeln im Tango gibt. Sie helfen dabei, nicht in jedes Fettnäpfchen zu tapsen. (Siehe Hilfen/Beispiele für Anfänger.)

Viele Anfänger erliegen der Illusion, dass man nach wenigen Stunden Unterricht Tango tanzen könne. Und einige Tangoschulen werben so, dass man nur bei ihnen den echten, wahren, traditionellen, argentischen und was auch immer Tango erlernen kann. Werbung ist legitim und übertreibt (meistens). Man kann von Schülerinnen und Schülern durchaus einen gewissen gesunden Menschenverstand erwarten. So wie jedem klar ist, dass man in einer Tanzschule nach ein paar Stunden weder Foxtrott noch Wiener Walzer oder Ähnliches tanzen kann. Tatsächlich kommt es jedoch vor, dass nach einigen Stunden Tangounterricht Anfängerinnen und Anfänger glauben, dass sie in einer Milonga zum Tanzen kommen – oder dass sie gar das Recht für sich in Anspruch nehmen, dass ein(e) Lehrer(in) mit ihnen zu tanzen habe. Das ist schräg, ziemlich schräg.

Dass man gerne mal mit einer Tangolehrerin oder einem Tangolehrer tanzen möchte, ist nachvollziehbar und kann durchaus sinnvoll sein. Wenn man beim Unterricht jedoch feststellt, dass es gar nicht so einfach ist, die Schritte auf die Musik und an die richtige Stelle zu setzen, warum sollte dann ein Tanz in der Milonga (im Tanzsaal) mit dem Lehrer funktionieren? Aber etliche Tangoschüler glauben, sie müssten nur gut geführt werden, dann könnten sie auch tanzen. Und schon schnappt die nächste Falle zu. Schülerinnen wie Schüler unterliegen nach einem Tanz mit einer Lehrerin oder einem Lehrer der Selbsttäuschung, dass es gut gelaufen sei. Ist es nicht. Der Tangolehrer hat nachjustiert und die inkorrekten Bewegungen ausgeglichen.

Ist die Zielgruppe im Mittelstufenbereich und aufwärts angesiedelt, dann wird die Leidensfähigkeit von Tangolehrerinnen auf eine harte Probe gestellt. Die Schüler und angehenden Tänzer haben schon eine gewisse Erfahrung gesammelt und das eine oder andere Kompliment von Frauen erhalten. Das Selbstbewusstsein ist gestiegen. Und was ist mit der eigenen Kritikfähigkeit, wenn eine Figur nicht so klappt? Dann muss oftmals die Tangolehrerin herhalten. Bei ihr sollte, ja muss es funktionieren. Was da manchmal für Bewegungsakrobatik und Rettungsschritte von Tangolehrerinnen abverlangt werden, ist gruselig. Wie soll sich eine Tangolehrerin verhalten? Einerseits ist sie Lehrerin und hat den Ehrgeiz und Stolz, die Figur irgendwie hinzubringen, auch wenn’s noch so besch… geführt wird. Andererseits ist sie eine (empathische) Frau, die einen Mann in der Öffentlichkeit nicht bloßstellen will. Da hat’s ein Tangolehrer leichter: Er kann sich bei “sperrigen” Schülerinnen mit Rechts-Linksschritten über die Tanda retten. Die Tangolehrerin hat nur zwei Möglichkeiten: zu leiden oder den Tanz während der Tanda zu beenden. Die bessere Lösung ist wohl, die Tanda zu beenden. Unangenehm, aber nötig.

Wenn die Bewegung im Mittelpunkt steht, Tanz, Kampfsport, Turnen, Parcours ..., läuft das Lernprinzip nach dem gleichen Muster ab. Einüben des Ablaufes über den Kopf, dann Automatisierung von der Grobkoordination bis hin zur Fein- und Feinstkoordination. Die manchmal harten Lehrjahre, um Tango zu erlernen, lassen sich nicht überspringen.

Tanzlehrerinnen und -Lehrer gehen auf eine Milonga, weil auch sie Spaß und Vergnügen haben, Tango zu tanzen. Sie sind manchmal arrogant, eitel, selbstgefällig. Sie lieben es, gesehen und bewundert zu werden. Aber eines sind Tangolehrerinnen und -Lehrer nicht: Prostituierte im Tango.

 

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An dieser Stelle sei den Lesern der Blogbeitrag »Ignoriert« von Gerhard Riedl (http://milongafuehrer.blogspot.de/2017/07/karen-kaye-ignoriert.html) ans Herz gelegt. Dieser Beitrag hat mich u. a. dazu inspiriert den Artikel über »Tangolehrerinnen und -lehrer« zu schreiben.

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Weiterhin der Beitrag 
Tipps für den Einstieg in das Tangoleben

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