Tanzen im eigenen Universum

Es ist schon einige Jahre her als etwas in mir (an dieser Stelle möchte ich sagen in uns - Patrizia & ich - Michael) Denken, Seele und Sichtweise im Tango veränderte. Es war im ersten Augenblick nichts Besonderes - es war in Buenos Aires, in der Milonga Sunderland. Das Sunderland gehört zu den bekannten Milongas in Buenos Aires. Das Sunderland ist eine Milonga, wo die jüngere Generation respektvoll auf die älteren Grand Señioritas und Grand Señiores blickt. In der Regel ist es ein Genuss zuzuschauen, wenngleich auch im Sunderland nur mit "Wasser gekocht" wird. Und hie und da weht ein Hauch von Magie durch das Sunderland. Patrizia und ich hatten das Glück genau zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. 

Es war voll im Sunderland - sehr voll. Selbst für erfahrene Tänzer war es nicht einfach sich im Tanzfluss zu halten. Der Tanzfluss sah aus als würde man von oben auf einen Teller Nudelsuppe blicken.  Zwar rührt der Löffel die Suppe, aber immer wieder bleiben einige Nudeln am Löffel hängen, so dass sie sich nicht gleichmäßig im Teller verteilen können. 

Doch Merkwürdiges geschah. Man konnte es sofort wahrnehmen. Ein Paar tanzte widerstandslos durch die Milonga. Dieses Paar hatte eine eigene Aura um sich - es tanzte in einem eigenen Universum. Die anderen Tänzer häuften sich zu einer stockenden Masse auf - nicht jenes Paar - es tanzte und es stand, aber es stand auch irgendwie nicht - es tanzte stehend. Die Bewegungsenergie der stockenden Masse, die feinen Nuancen der Musik - all dies wurde von diesem Paar aufgesaugt und in unglaublich feines Tanzen umgewandelt. 

Was da passierte, ließ mich nicht mehr los. Ich fing an darüber nachzudenken und schaute stundenlang den großen Maestros des Tangos zu, wie sie es schafften im Stehen zu tanzen. Die Lösung ist einfach wie schwierig zugleich. Ein Teil der Lösung ist, gut tanzen zu können. Dieses Streben nach Vollkommenheit, das Lernen hört nie auf. Der andere Punkt ist die Umsetzung der Musik. 

In der Regel wird nach einfachen Rhythmen getanzt - das ist sozusagen die Trägerwelle. In der Trägerwelle finden sich kleine feine Rhythmen. Diese zu hören, erfordert viel Übung; sie auszutanzen ist eine Kunst. Diejenigen, die diese Rhythmen hören, brauchen nicht mehr viel Platz - ihnen genügen wenige Quadratdezimeter zum Tanzen. Sie schwimmen auf der Trägerwelle mit, holen sich die kleinen Klangperlen heraus und tanzen sie in ihrem "eigenen Universum" aus. 

EPILOG
Bei diesem Paar handelte es sich um Geraldine Rojas und Javier Rodriguez. Sie tanzen nicht mehr zusammen, sie haben jetzt andere Partner.